
Melitta Zivoder und Jürgen Weber.
BetriebswirtschaftErfolgreiche Geschäftsübergabe bei Elektro Weber
Am Ende ist alles in trockenen Tüchern und Jürgen Weber kann sich entspannt zurücklehnen. Seinen Betrieb für Elektroinstallationen in Gutmadingen hat er nach 30 Jahren an einen Nachfolger übergeben. Nicht selbstverständlich. Viele Betriebsinhaber sind vergeblich auf der Suche nach jemandem, der die Geschäfte weiterführt und müssen ganz schließen. Alexander Preis, der den Elektro-Betrieb nun übernommen hat, arbeitet schon seit 2011 in dem Betrieb.
Mitarbeiter wird zum Firmenchef
So wurde aus Elektro Weber Anfang August Elektro Preis. Neuer Inhaber, neuer Name. Auf Arbeitskleidung, den Autos und an der Werkstatt können es die Kunden lesen. Doch ändern soll sich sonst nicht viel, betont der frisch gebackene Selbständige Alexander Preis. Der 37-Jährige freut sich auf die neue Herausforderung und blickt selbstbewusst nach vorne. „Mich kennen ja schon alle – die Kunden und die Lieferanten. Da mache ich mir keine Sorgen. Ich gehe davon aus, dass der Betrieb eine solide Zukunft vor sich hat.“
Zeit für Veränderungen
Das glaubt Jürgen Weber auch. Trotzdem hat er sich von seinem Betrieb getrennt. Der 55-jährige Elektromeister habe nicht selten 70 bis 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Nun sei er froh, die Verantwortung für den Betrieb und seine drei Mitarbeiter abgeben zu können. „Es hat mir immer riesigen Spaß gemacht“, sagt er. Doch jetzt sei Zeit für etwas Neues. Nach dem Betrieb richtete sich sein ganzes Leben. Es blieb wenig Zeit für seine zwei Kinder und seine Frau Bettina.
Auch diese war im Betrieb eingespannt, der direkt ans Wohnhaus grenzte. „Ich habe schon immer das Büro gemanagt.“ Das sei ein Vorteil gewesen, weil immer jemand für die Kinder da gewesen sei und sich die Zeit flexibel einteilen ließ. Nun freut sie sich auch auf mehr Unabhängigkeit – jetzt, wo auch die Kinder eigene Wege gehen. Sein Sohn hat zwar auch eine Lehre zum Elektriker abgeschlossen, aber den Betrieb wollte er noch nicht übernehmen, sondern lieber eigene Erfahrungen sammeln.
Umfassende Beratung durch Handwerkskammer
Dennoch steht das Unternehmen auf einer guten Basis. Das haben auch die Experten der Handwerkskammer Konstanz ermittelt. Als klar war, dass er sich von seinem Betrieb trennen möchte, hat Weber die kostenlose Beratung der Kammer in Anspruch genommen. Dort haben die betriebswirtschaftlichen Berater Melita Zivoder und Thomas Rieger anhand der AWH-Methode, die extra für Handwerksbetriebe entwickelt wurde, den Unternehmenswert errechnet. „Was wir ermitteln ist nicht der Marktwert, sondern ein Richtwert, an dem sich die Verhandlungen orientieren können“, sagt Melita Zivoder.
„Bei Herrn Weber haben wir gesehen, dass die Anreize für eine Übernahme sehr hoch waren“, erklärt Thomas Rieger weiter. Ein Richtwert dafür sei das Geschäftsführer-Gehalt, ein anderer ein breiter Kundenstamm und die Ausrichtung hin zu innovativen Technologien, wie Photovoltaik oder Smart Home. Außerdem betont Jürgen Weber, dass der Betrieb nicht wesentlich von den Rückgängen der privaten Baugenehmigungen betroffen sein dürfte. „Viele Aufträge sind Sanierungen am Bestand oder kommen aus dem Bereich der Industrie.“ Er habe sogar immer wieder Aufträge wegen fehlender Fachkräfte ablehnen müssen.
Genügend Zeit für Übergabe einplanen
Melita Zivoder, die Weber während der Übergabe begleitet hat, betont, dass der Faktor Zeit nicht zu unterschätzen sei. „Der Übergabeprozess wird meistens unterschätzt. Einige Inhaber haben die Vorstellung, den Betrieb innerhalb von ein paar Monaten zu übergeben. Das ist in den meisten Fällen nicht möglich“, sagt sie. Sie rät sich schon vorzeitig Gedanken zu machen, wie eine Nachfolgelösung aussehen könnte.
Auch den Nachfolger hat die Handwerkskammer umfassend beraten – vom Businessplan über Rechtsfragen bis hin zur Finanzierung. „Wir versuchen, beide Seite ganzheitlich und neutral zu beraten“, sagt Felix Keller, Existenzgründungsberater der Handwerkskammer Konstanz. Dank der Unterstützung, hat er einen geförderten Kredit, eine geförderte Beratung sowie eine Digitalisierungsprämie in Anspruch genommen. „Die Arbeitsaufträge werden dann nicht mehr auf Papier ausgedruckt und müssen nicht mehr vom Auftragsort wieder zurück ins Büro gebracht werden. Bald läuft die Auftragsabwicklung nur noch übers Tablet“, sagt Preis. Er erhofft sich, dadurch Zeit und Geld zu sparen. „Ich habe mich sehr gut bei der Kammer aufgehoben gefühlt“, ergänzt er.
Neuer Inhaber will Zukunftsthemen ausbauen
Den Preis für den Elektrobetrieb konnte Preis mithilfe der Hausbank stemmen. „Denen lag viel daran, mich auch zu betreuen“, sagt er. Laut Jürgen Weber war es ein sehr fairer Preis. „Das Ganze soll ihm ja auch noch Spaß machen“, gibt Weber die Begründung. Er wollte nicht das Maximum rausholen, sondern, dass sein ehemaliger Mitarbeiter die Belastung noch gut stemmen kann. „Wir sind breit aufgestellt“, sagt Preis und ist sich sicher, dass der Betrieb auch in Zukunft gut laufen wird. „Damit wir weiter am Markt bleiben, werden wir uns ständig weiterbilden und dranbleiben müssen.“ Das gelte vor allem für die Zukunftsthemen Photovoltaik und Smart Home.
Wenn das Loslassen schwer fällt…
Jürgen Weber gibt zu, dass ihn gemischte Gefühle begleiten. Auf der einen Seite fällt es schwer den Betrieb loszulassen – das, was er über 30 Jahre aufgebaut hat. Auch wenn er noch weiter im Betrieb mit seinem Wissen unterstützen wird. „Ich möchte, dass mein Nachfolger auch auf die Zahlen kommt, die wir hatten.“ Und die räumliche Nähe ist auch noch gegeben: Das Betriebsgebäude schließt direkt an das Wohnhaus an.
Auf der anderen Seite ist er froh, nun in eine ruhigere Phase einzutauchen und mehr Zeit für die Familie zu haben. Mit seiner Frau Bettina möchte er im Wohnmobil verreisen und mal nicht an die Arbeit denken. Die Last der Verantwortung ablegen. Doch er sagt auch: „Langweilig wird es uns sicherlich nicht.“
So bastelt der gelernte Radio- und Fernsehtechniker bereits im Keller an alten Röhrenradios und Schallplattenspielern. Er kann sich vorstellen sein Wissen und seine Erfahrung auch in einzelnen Projekten bei Architekten zur Verfügung zu stellen, sagt Weber. Und er liebäugelt damit, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Künftig könnte er an der Bildungsakademie in Singen als Dozent die Elektrotechniker von morgen unterrichten.
Hintergrund: Die Suche nach dem Nachfolger
Wer seinen Betrieb übergeben möchte, hat selten das Glück, dass Kinder oder Mitarbeiter weitermachen möchten. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) suchen mindesten 125.000 Familienbetriebe in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Vor allem bürokratische Hürden gibt der ZDH als Gründe dafür an.
Bei den 13.000 Betrieben im Kammergebiet sind 44 Prozent der Inhaber bereits älter als 55 Jahre. Nachfolger finden sich auch über die Betriebsbörse der Handwerkskammer. Hier können Inhaber anonymisierte Inserate zu ihren Betrieben erstellen. Derzeit sind es 68 im Kammerbezirk Konstanz. Bundesweit können Betriebe auf der Plattform „next change“ angeboten werden.